Es findet ein sportlicher Grossanlass statt und wie immer in solchen Fällen startet auch die Diskussion darüber, ob die Sportler beim Abspielen der Nationalhymne mitsingen sollen oder nicht. Ich verstehe diese Diskussion beim besten Willen nicht. Ist es tatsächlich so, dass lautes Singen einer Nationalhymne – die aktuell bei der Fussball-EM viele Akteure nicht akzentfrei singen könnten – die Verbundenheit zum Land demonstriert oder verstärkt?

Selbst habe ich noch nie (ausser unter Zwang = in der Schule) die Nationalhymne gesungen. Wieso – weiss ich selbst nicht so genau. Dass ich wirklich nicht singen kann reicht als Begründung natürlich nicht aus, da wäre ich wenn ich zum Beispiel an der 1. August Feier so rundum höre nicht allein sondern eher Teil der grossen Masse.

Aber wieso sollte ich mehr Schweizer sein weil ich die Hymne singe…..? Zurück von mir zum Sport (in diesem Jahr mal ist „ich“ und „Sport“ leider mal wieder ein echter Widerspruch) und den Sportlern. Zu Beginn eines solchen Spieles ist man sicherlich sehr konzentriert und geniesst den Augenblick. Wieso sollte man diesen Augenblick nicht so geniessen dürfen wie man möchte – wer singen will soll singen, wer nicht will, kann es auch genauso gut bleiben lassen? Dass die Leute die da stehen sich zur Schweiz (oder zu allen anderen jeweiligen Nationen) bekannt haben, ist doch irgendwie schon dadurch gegeben, dass sie in der „Schweizer Nationalmannschaft“ spielen, oder? Mehr als einer hätte die Möglichkeit, auch in einer anderen Nationalmannschaft zu spielen…

Eine andere Baustelle wäre das Singen selbst. Auch unter den Fussballern sind soweit man das nachvollziehen kann nicht gerade viele Gesangstalente zu finden. Das emotionale Herausbrüllen der Hymne was man manchmal beobachten kann erinnert mehr an die Gesänge am späteren Abend in englischen Pubs oder so als an „ich stehe zum Land in dem ich lebe und für das ich spiele“. Ich glaube, für einige ist es einfach ein zusätzlicher Antrieb diesen Text raus zu „brüllen“ – aber notwendig ist das auf keinen Fall.

Nun gibt es wohl auch die Mannschaften, bei denen das befohlen wird. Das sieht man dann an den zaghaften Lippenbewegungen die eigentlich nur verraten, dass man auch die Texte nicht wirklich auswendig kann. Gut – wenn ich als Spieler einer Nationalmannschaft den Befehl zu singen erhalten könnte man vielleicht auch verlangen, dass der Spieler den Text lernt. Gelangweiltes mitbrummen ist auf jeden Fall nicht das bessere Bekenntnis zur Staatsangehörigkeit als still da zu stehen und den Moment in sich aufzunehmen.

Fazit: Hymne mitsingen ist für mich etwas, das jeder so machen kann wie er möchte. Wenn einer das toll findet, dann soll er das tun – einer der das nicht möchte, sollte auch das tun dürfen. Selbst singe ich bei der Hymne nie mit und ich gebe auch offen zu, ich kenne den Test des Refrains gut und wahrscheinlich fehlerfrei und vielleicht noch die erste Strophe – und dann wird’s schwierig. Bin ich nun als Schweizer durchgefallen – ich finde nicht.

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