Seit dem Wochenende bin ich um eine Erkenntnis reicher. Bisher habe ich angenommen, dass sich das „Schweizer Volk“ irgendwie auf Grund der Landesgrenzen definiert. Alle Menschen die einen Schweizer Pass haben wäre auch eine sehr gute, vielleicht die bessere Definition. Aber; ALLES FALSCH. Es gibt ein „Volk“ und ein „Zivilvolk“.

Die Definitionen entstanden nach den Abstimmungen vom Wochenende und waren zwingend nötig für die Integrität des Landes und des Sprachgebrauches. Vor den Abstimmungen wurde uns allen klar gemacht, dass es weitere Abstimmungen braucht weil unsere Regierung den Wunsch des „Volkes“ nicht respektiert geschweige denn umsetzt. Nun hat am Wochenende das Volk ja tatsächlich sich erlaubt, den Willen des Volkes nicht zwingend umzusetzen. Somit musste natürlich eine Begrifflichkeit her – weil alle dürften sich einig sein, obiger Satz macht schlicht keinen Sinn.

So ist also das „zivile Volk“ wohl entstanden. Recht klar ist, was damit gemeint war. Es ging darum, dass viele Leute an der Abstimmung teilgenommen haben, welche normalerweise politisch nicht sehr interessiert und schon gar nicht in Parteien organisiert sind. Eine „Volksfront“ gegen den Teil des „Volkes“, welcher politisch immer aktiv ist und in der Schweiz etwas weiter rechts gerutscht ist als auch schon.

Wozu gehöre ich jetzt? Mittels dieser neuen Definitionen fühle ich mich jetzt auch gut versorgt, endlich muss ich mir nicht mehr anhören, dass „das Volk“ etwas will, das ich gar nicht will (und hier kommt es mit auch nicht drauf an, ob rechts oder links – wobei nur eine Partei ständig den Anspruch „Stimme des Volkes“ für sich beansprucht). Nun weiss ich, dass ich zum zivilen Volk gehöre und deshalb aus Sicht einiger (speziell der exponierten Parteien am linken und rechten Flügel) Parteien auch nicht zum Volk zu zählen bin. Diese ganze vorher entstandene Ungewissheit darüber wieso das Volk etwas will,  das ich nicht will ist komplett verschwunden auf diese Art.

Man könnte – wenn man wollte – sagen, dass ein Parteien-System in unserem Land extrem wichtig ist. Die Parteien gestalten und regieren im Alltag – immer dann, wenn keine grundlegenden Fragen diskutiert werden. Das zivile Volk akzeptiert die Entscheide derer, die sich bereit erklären aktiv zu gestalten und Zeit für die Politik aufzuwenden.  Allerdings akzeptieren die nicht alles. In Zeiten der Emanzipation kann es auch mal dazu kommen, dass „man“ (hier wieder das zivile Volk) sich wehrt.

Trotz allem ist erstaunlich, dass diese Bewegung überhaupt möglich war. Die verwendeten Kanäle wie zum Beispiel soziale Medien sind nicht neu und werden von den Parteien auch genutzt. Allerdings werden diese wohl weniger beachtet – wenn man ganz ehrlich ist, weiss man zu jeder Frage schon im Voraus was bei der SP stehen wird und wie die Grünen dazu stehen. Somit sind natürlich Communities mit offener Meinung viel interessanter da dort auch kontrovers diskutiert werden darf.

Natürlich war auch die „Aktivierung“ von Prominenten ganz ausserhalb der Politik ein extrem gelungener Schachzug. Damit konnten sich viele Personen sehr viel besser identifizieren und eine Meinung deshalb auch akzeptieren.

Fazit: Ich denke, das Modell wird nicht immer funktionieren sondern nur in Fragen, welche man auf die grundlegende Wertediskussion herunter brechen kann. Für „normale“ Fragen aus der Politik wird die Beteiligung an Abstimmungen weiterhin unter 50% liegen. Bei einigen, weil sie einfach keine Lust haben, als überzeugter Optimist hoffe ich aber, dass einige auch nicht gehen, weil sie einer gewählten Regierung vertrauen. Ganz sicher ist, politische Parteien finden offensichtlich den Zugang nicht mal zur Hälfte der Bevölkerung, erreicht also nur das Volk, das zivile Volk tickt anders!

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