Wir nehmen andere wahr und wir beurteilen andere Menschen und Gegebenheiten in Sekundenbruchteilen für uns. Einiges was in dem Moment passiert ist nahezu unumstösslich, bleibt irgend wo hängen auch wenn sich der Mensch, die Situation als gänzlich anders heraus stellt. Das kommt selbstverständlich aus dem Instinkt, wir haben diesen nicht vollständig verloren.

Letzte Woche an einem kurzen Seminar wurden wir „informiert“ darüber, dass wir eben wahr nehmen und dass diese erste Beurteilung uns unter Umständen auf einen falschen Weg bringen kann. Bei diesem Seminar wurden einige Wortspiele verwendet wir zum Beispiel WAHR nehmen (genau so geschrieben). Es wurde also auf dem Begriff „wahr“ und somit der „Wahrheit“ geritten. So als  Verb verwendet kann ich noch gut damit leben, zeigt es doch deutlich auf, dass man sich über das „wahr“ mal Gedanken machen sollte…!

Gegen Ende des Vortrages, als wir in Gruppenarbeiten auch nochmals erarbeiten durften, dass Situationen nicht für alle gleich wirken ging das noch einen Schritt weiter. Der Vorschlag an der Wand war „ist es Wahrheit oder Gewissheit“. Hmm – zuerst gerade in dem Moment war ich davon doch recht angetan und meine Kopf hat daraus folgendes gemacht: Natürlich ist was ich wahrnehme nicht die Wahrheit sondern nur meine Gewissheit“. Ich bin mir rückblickend nicht mehr ganz sicher, ob das „nur“ Gewissheit aus dem Vortrag kam oder von mir dazu gedichtet wurde.

Ein paar Tage später komme ich in diesem Zusammenhang allerdings auf gänzlich andere Resultate. Die Wahrheit ist für mich absolut, hat aber keinen Beweischarakter. Wenn ich hier behaupte, dass ich am Wochenende an einem Schaulaufen unserer Töchter war, dann ist das die Wahrheit. Für die meisten die das jetzt hier lesen, ist es aber einfach eine Aussage. Ob es die Wahrheit ist oder nicht können nur wenige Wissen. Falls jemand auch an diesem Schaulaufen war und mich dort gesehen hat, dann hat er die Gewissheit, dass die Wahrheit, die ich ihm auftische auch stimmt.

Unter diesen Umständen ist die Gewissheit deutlich über die Wahrheit zu stellen. Zurück jetzt zu unserer Wahrnehmung. In jedem Kopf läuft ein Satz von Fragen ab, wenn wir jemanden sehen. Diese Fragen können wir nur sehr wenig beeinflussen. Diese Fragen werden in Windeseile durch gearbeitet und in kürzester Zeit haben wir uns „eine Meinung gebildet“. Wenn wir älter und erfahrener werden lernen wir wohl ein wenig etwas über unsere eigenen „Spezialitäten“ (die in die Richtung allgemeiner Fehleinschätzungen gehen können….blonde Frauen sind sexier als braune, grosse Männer erfolgreicher als kleine usw….). Auch dann ändert sich unsere Wahrnehmung allerdings nicht – aber wir können diese sofort korrigieren weil wir wissen, dass wir in einigen Dingen „überbewerten“.

In dieser äusserst kurzen Zeit entsteht weder eine Wahrheit (kann gar nicht, zumindest Menschen sind zu komplex um innert Bruchteilen von Sekunden „alles“ über sie zu wissen) noch eine Gewissheit (was ja heissen würde, die Wahrheit ist sogar bestätigt). Was aber entsteht ist MEIN erster Eindruck, ein Bild, welches auf Grund meiner „Tabelle“ entstanden ist. Für mich ist dieses Bild wahr, weil mehr weiss ich in dem Moment nicht – aber sicher nicht gewiss. Ich selbst musste meine Meinung zu Menschen schon oft revidieren, sobald ich diese etwas besser kennen gelernt hatte. Auch ist die Situation der Erstbeurteilung entscheidend – bewertet man einen jungen Banker beim Mittagessen mit Bankerkollegen oder um 2 Uhr morgens mit denselben Kollegen und Schlabberpulli leicht betrunken an einer Bar – die Situationen ähneln sich sehr, doch wird das Resultat deutlich anders ausfallen.

Fazit: Weder die Wahrheit noch eine Gewissheit entsteht bei der ersten Beurteilung eines Menschen – aber es entsteht MEIN Bild welches für den Moment so stimmt. Egal ob das nun wahr ist oder gewiss – es ist ein Eindruck den zu korrigieren viel länger dauert als es gedauert hatte, bis er entstanden war. Somit bleibt trotz aller Überlegung doch die Tatsache, dass wir zwischen Menschen innert kürzester Zeit beurteilen oder gar verurteilen – der erste Eindruck zählt und wenn man sich dessen bewusst ist, kann man daran doch ein wenig etwas für sich raus holen.