Letzte Woche waren wir in St. Moritz in den Ferien. Angekommen sind wir am Samstag bei ca. 15 Grad, das blieb dann so bis Mittwoch. Am Donnerstag wurde es kühler und regnerisch, abends begann es zu schneien bei 1-2 Grad. Am Freitag war es dann auch (fast) kalt genug für Schnee, also so um die null Grad rum, in der Nacht auf Samstag gab es nochmals viel Schnee…

Das war ja alles schön und recht, Schnee im Engadin zu dieser Jahreszeit kann immer vorkommen, wir haben das auch nicht zum ersten Mal erlebt. Etwas war aber trotzdem neu. Normalerweise als wir im Herbst da waren waren immer die Arbeiten zum Aufstellen und der Inbetriebnahme der Schneekanonen in vollem Gange. Da flogen Helis auf den Berg mit den Schneekanonen, Lastwagen fuhren hoch usw. In diesem Jahr hatte ich festgestellt, dass diese Arbeiten alle bereits abgeschlossen waren. Macht ja Sinn das bei dem schönen Wetter noch zu machen. Aber – darum ging es gar nicht. Am Donnerstag wurden die Schneekanonen (wohlverstanden anfangs Oktober!) IN BETRIEB genommen. Man hat bis auf eine Höhe von geschätzt etwa 2400 m.ü.M. mit der Beschneiung der Hänge begonnen! Klar, hier geht es um das „Fundament“ der Pisten im Winter, ich erachte das aber als absoluten Wahnsinn.

Ich will hier keine Abhandlung schreiben, wie viel Energie Schneekanonen verbrauchen (als Anhaltspunkt – je nach Typ sehr unterschiedlich – pro Saison und Stück so ca. 1/4 eines normalen Haushaltes…), davon gibt es bereits genug. Aber die „Szene“ ist doch irgendwo erkrankt! Saisoneröffnung ist im Engadin im November, zu einem Zeitpunkt an dem normalerweise in den letzten Jahren wenn überhaupt nur sehr wenig Schnee lag. Kommen werden ein paar Enthusiasten – sofern das Wetter schön ist. Richtig los gehen wird es so oder so erst um die Weihnachtszeit – aber jeder Gast ist ein Gast mehr, bedeutet Wachstum in den Zahlen. Dieses Wachstum wurde ja auch bitter nötig, allein die Investitionen in Skigebiete und deren Infrastruktur sind derart massiv, dass es einfach mehr Leute braucht.

Auch dagegen wäre noch nichts einzuwenden. Die schiere „Verfügbarkeit“ von Schnee verschiebt aber die Besucher in Richtung spontanes Schifahren. Man schaut halt morgens früh zum Fenster raus und wenn das Wetter passt, fährt man hin. So haben aber weder Hotels noch Geschäfte in den Orten wirklich einen Profit gemacht. Ich war früher oft auch einfach am Sonntag Schifahren – aber das heisst am Morgen hin fahren, (vielleicht) ein Mittagessen und um 16:00 Uhr wieder ins Auto oder den Bus sitzen und heim fahren. Da hat der Ort gar nichts davon gehabt! Auch für die Restaurants in den Skigebieten ist die Herausforderung massiv. Viele Tagestouristen heissen auch sehr hohe Unterschiede in den Belegungszahlen – aber Personal kann ich eher nicht nach Wetter einstellen, also muss ich als Wirt halt für die meisten Tage (zu) viel Personal beschäftigen und das während einer deutlich verlängerten Saison. Das wird nicht für alle ein gutes Ende haben.

Wasser ist auch ein tolles Thema, zu dem man eigentlich nicht mehr viel sagen muss. Es gibt in den Alpen bereits sehr viele Speicherseen, die ausschliesslich für die Bereitstellung von Wasser für die Erzeugung von Kunstschnee gebaut wurden. Aus meiner Sicht unglaublich – und diesen Seen entzieht man das Wasser dann zu einer Zeit, in der Wasser am knappsten ist weil vieles davon gebunden in Schnee und Eis. Nicht zu erwähnen, dass das in dem Moment abschmilzt, wo so oder so schon viel Wasser „unterwegs“ ist. In der Zwischenzeit gibt es Orte, die versuchen diese Speicherseen im Sommer zur Erzeugung von Strom zu nutzen und reden dann von gewaltiger Umweltverträglichkeit – man könnte meinen deren Umwelt geht es besser als vorher. Die Zahlen dieser Kraftwerke im Vergleich zum Verbrauch für Schnee sprechen leider deutlich andere Worte…!

Verschiedenste Zusatzstoffe werden ebenfalls verwendet für die „Produktion“ von Schnee wie zum Beispiel „Snowmax“ (www.snowmax.ch). Ich kann nicht beurteilen ob die Länder, die solche Stoffe verbieten oder die die deren Unbedenklichkeit proklamieren näher bei der Wahrheit sind. Wahrscheinlich kann man das so oder so vernachlässigen da die Kosten für Kunstschnee so oder so schon immens sind und weitere Zusatzstoffe nur in sehr spezifischen Fällen grössere Vorteile bringen aber viel Geld kosten. Dass man aber Proteine oder Bakterien züchtet, zum Teil inaktiviert und dann in der Bergwelt verteilt erachte ich per se als heikel.

Man könnte das alles noch weiter treiben und die Belastungen durch die Anfahrt der (immer mehr) Tagestouristen mit einrechnen und so weiter. Es bleibt, dass Schifahren je länger je mehr für die Umwelt eine einzige Katastrophe darstellt. Klar sehe ich die kommerziellen Zwänge – ich kann mich gut an die Vorteile erinnern als Savognin als einer der ersten Orte in der Schweiz vor wohl über 20 Jahren mit dem weissen Streifen Werbung machen konnte während dem andere Schiorte noch das Mitbringen von Wanderschuhen empfehlen mussten. In der Zwischenzeit haben aber fast alle aufgerüstet, der Wettbewerbsvorteil für einzelne ist verloren! Ebenso beschränken sich diese Massnahmen nicht nur auf Schigebiete mit notorischen Schneeproblemen, ganz und gar nicht. Im sehr schneesicheren Zermatt zum Beispiel sind in der Zwischenzeit weit über die Hälfte der Pisten maschinell beschneit!

Neben all diesen grossen Problematiken finde ich diese „Installationen“ richtig hässlich! In vielen Schigebieten fahre ich mit den Skis nicht mehr in den Bergen rum, sondern zwischen leuchtenden Stangen und Matten die mich davon abhalten können in die Schneekanonen zu knallen. Die wenigen Schigebiete die (meist aus Geldmangel und nicht aus Überzeugung – in der Zwischenzeit bedeutet natürlich keine maschinelle Beschneiung einen Marktnachteil) verzichten sind sehr sehr angenehm zu befahren. Auch diesen Winter gehen wir wieder in ein solches, wenn es Schnee hat halt mit Skis, wenn nicht mit Wanderschuhen!

Fazit: Für mich gehört Schifahren und Schneefall halt einfach zusammen – kein Schneefall, kein Schifahren. Dass das in den Touristenorten so kommerziell fast nicht mehr zu akzeptieren ist, ist mir auch klar und daher verstehe ich die Bemühungen, Winter und Schnee als Einheit darzustellen – eigentlich unabhängig vom Wetter. Was dabei an Energie verbraucht wird ist nur schwer zu akzeptieren und relativiert einmal mehr deutlich heuchlerische Gesetze wie das Verbot von Glühbirnen. Ich würde mich in den nächsten Ferien freuen, wenn es Schnee hat und wir Schifahren können – falls nicht, werden wir tolle Ferien erleben!

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